Ist, im Grunde, alles ungewiss – und können wir daher niemals zu endgültiger Gewissheit gelangen?

Frage: Immer wieder wird die Sichtweise geäußert, dass alles, im Grunde, ungewiss ist, und dass es uns daher niemals möglich sein wird absolute, endgültige Gewissheit – bezüglich was auch immer – zu erlagen.
Und schon seit langem frage ich mich, ob diese Sichtweise vielleicht ‚lediglich‘ ein intellektueller/ philosophischer Mythos ist, oder ob es tatsächlich zutrifft, dass für uns (Menschen/ Subjekte) absolute Gewissheit unerreichbar ist?!

Antwort: Besonders im Zusammenhang mit dem Sokrates-Zitat ‚Ich weiß, dass ich nicht weiß!‘, wird die Sichtweise, dass absolute Gewissheit für uns unerreichbar ist, vorgebracht, und als (Quasi-)Beweis für ihre Zutreffendheit wird häufig darauf verwiesen, dass die Haupt-Quelle all unseres Wissens – unsere sinnliche Wahrnehmung – fehleranfällig ist, und wir uns somit, aufgrund der Unzuverlässigkeit unserer sinnlichen Wahrnehmung, niemals sicher sein können, inwieweit das, das uns unsere Wahrnehmung an Informationen vermittelt der Wirklichkeit/ Wahrheit entspricht – oder nicht.

So überzeugend die Sichtweise, dass wir absolut nichts sicher wissen können, anfänglich, auch klingen mag: Sie ist dennoch unzutreffend!
DENN: Es ist logisch widersprüchlich, einerseits zu behaupten, dass wir uns keiner einzigen ‚Sache‘ absolut sicher sein können, und, GLEICHZEITIG, vehement einzufordern, dass die Sichtweise, dass es für uns niemals absolut sicheres Wissen geben kann, eine absolut zutreffende Tatsache, und damit, ein absolut zutreffendes Wissen ist.
Und: Bedingt durch diese Widersprüchlichkeit, führt sich die Sichtweise, dass wir absolut nichts sicher wissen können, selbst ad absurdum!

‚Nur dann, wenn man etwas sicher weiß, kann man letztendlich auch sicher wissen, was man alles NICHT weiß!‘

Oder: Anders formuliert:

‚Jedes bewusste Nicht-Wissen, setzt eine bestimmte Menge ebenso bewussten Wissens voraus!‘

Oder: Nochmals anders formuliert:

‚Ohne bewusstes Wissen, kein bewusstes Wissen, um das eigene Nicht-Wissen!‘

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6 Antworten

  1. Hey Mulmi. Klar, diese Behauptung, dass man nichts wissen kann ist selbstwiderspruechlich. Aber ich denke, dass es sich bei ihr nur um eine Verkuerzung einer anderen Aussage handelt. Naemlich der, dass man annimmt alle kommenden Ueberlegungen dazu, wie man „Wissen“ konstruieren koennte zum Einsturz bringen zu koennen.

    Da diese Aussage natuerlich nicht beweisbar ist handelt es sich dabei vielmehr eine Plausibilitaetsaussage, als eine Aussage mit Wahrheitswert. Und ich muss sagen, dass sie ungeheuer plausibel ist, aehnlich wie, dass nicht gleichzeitig P und nicht-P gelten kann.

    Ich habe eine Website zum Thema, vielleicht ist sie fuer dich interessant: http://erisisch.de

  2. @ morgen

    Die Sichtweise, dass grundsätzlich JEDE Art von Wissen zum ‚Einsturz‘ gebracht werden kann, ist keineswegs plausibel.
    DENN: Es bedarf eines nicht gerade geringen Maßes an (Vor-)Wissen, um was auch immer widerlegen zu können.

    ‚Ohne eigenes (Vor-)Wissen, keine Widerlegung, von was auch immer!‘

    Beispiel:

    Ein erst neu-geborenes Menschen-Baby etwa, ist nicht dazu in der Lage, etwas zu widerlegen – denn dazu mangelt es ihm am notwendigen, eigenem Wissen.

    Und da JEDE Widerlegung ein entsprechendes Maß an eigenem (Vor-)Wissen zur notwendigen Voraussetzung hat, und man daher bei JEDER Widerlegung, regelmäßig, auf eigenes Wissen zurückgreifen muss, hat dies zur logischen Konsequenz, dass es für niemanden möglich ist, die Gesamtheit des eigenen Wissens (erfolgreich) selbst zu widerlegen.

    Im Höchstfall, können also nur Teile des eigenen Wissens (erfolgreich) selbst widerlegt werden.

    Und da, im Höchstfall, nur ein Teil des eigenen Wissens, nicht aber das eigene Wissen in seiner Gesamtheit, (erfolgreich) selbst widerlegt werden kann, gibt es ZUMINDEST einen Ausnahmefall von der Regel, dass JEDES Wissen (erfolgreich) widerlegt werden kann – und dies wiederum bedeutet, dass die Sichtweise, dass JEDES Wissen (erfolgreich) widerlegt werden kann, NACHWEISLICH, NICHT allgemeingültig zutreffend ist!

    Liebe Grüße Mulmi

  3. Ich habe, wenn ich den Begriff „Wissen“ verwende immer die Vorstellung von einer wahren, gerechtfertigten Überzeugung vor mir. Ich weiß nicht, wie ich jemals zu sowas kommen sollte. Greife ich also ein Wissenskonstrukt an, dann mache ich das nicht in Besitz einer wahren gerechtfertigten Meinung. Fällt die Möglichkeit der Rechtfertigung fehlt die Möglichkeit zu erkennen, ob eine Überzeugung wahr ist. Dann bleibt die Überzeugung an sich. Und eine Überzeugung kann man nur aufgrund anderer Überzeugungen angreifen, das ist schon richtig, zumindest meiner Überzeugung nach 🙂

  4. Ich vergas: „Fällt die Möglichkeit der Rechtfertigung“ bezieht sich auf die skeptische Herausforderung.

  5. @ morgen

    Jeder ist natürlich frei den Begriff ‚Wissen‘ – und mit ihm jeden anderen Begriff – nach eigenem Belieben aufzufassen bzw zu definieren!

    Und, wenn ich dich recht verstehe, dann fasst du Wissen als eine Art Glaube auf!?
    Denn: Eine, wie auch immer geartete Überzeugung, ist regelmäßig etwas, an das man glaubt.
    (siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%9Cberzeugung)

    Wenn aber Wissen, im Grunde, nichts weiter sein soll, als eine Überzeugung bzw ein Glaube, stellt sich mir fast zwangsläufig die Frage:
    Wie einsteht dann (ein) Glaube bzw eine Überzeugung?
    Oder: Anders gefragt: Wie kommt es dann überhaupt dazu, dass ein Lebewesen in die Lage versetzt wird, an was auch immer zu glauben?

    Entsteht etwa Glaube, aus Glauben?

    Diese Sichtweise, scheint mir widersprüchlich, und, mit ihrer Hilfe scheint es nicht möglich zu sein, ausreichend zu erklären und zu begründen, was Wissen und was Glaube ist, und worin, zwischen beidem, eventuelle Unterschiede bestehen!

    Ich persönlich, orientiere mich, in der Art und Weise, wie ich den Begriff ‚Wissen‘ verwende und verstehe am Allgemeinen-Sprachgebrauch – und damit an der Art und Weise, wie der Begriff von der Mehrzahl der Menschen, innerhalb des deutschsprachigen Raums, verwendet und verstanden wird.
    DENN: Der Allgemeine-Sprachgebrauch, ist nicht nur die Sprache, welche die (Bevölkerungs-)Mehrheit spricht und versteht:
    Der Allgemeine-Sprachgebrauch, IST AUCH – angereichert ,’lediglich‘, mit einigen Fachausdrücken – die offizielle Sprache der Wissenschaft.

    Gemäß dem Allgemeinen-Sprachgebrauch – der jedem aktuellen Duden zu entnehmen ist -, ist Wissen, zum Einen, ein Gegensatzbegriff des Begriffs ‚ Glaube‘, und, zum Anderen, ist Wissen das Haben einer ZUTREFFENDEN Information, die jeweils im Gedächtnis vorhanden/ gespeichert ist.

    Und, meiner Meinung nach, muss ein Lebewesen über eine nicht gerade geringe Zahl an ZUTREFFENDEN Informationen verfügen, um sich in seinem jeweiligen Lebensumfeld (erfolgreich) orientieren und überleben zu können, um aus dem, das es er-lebt, die entsprechenden Schlüsse ziehen und lernen zu können, UND, um im weiteren Verlauf, einen bestimmten Glauben bzw eine bestimmte Überzeugung entwickeln zu können!

    Um es auf den Punkt zu bringen:
    Das Haben ZUTREFFENDER Informationen, ist eine notwendige Voraussetzung, für das Glauben an etwas – und, nicht umgekehrt!

    Liebe Grüße Mulmi

  6. Uns steht alles Wissen zur Verfügung. Um absolute Gewissheit zu erlangen, braucht man nicht alles zu wissen.
    Absolute Gewissheit ist ein Lernprozess, der immer wieder die Neugierde befriedigt und erreicht wird, wenn zur Verfügung stehendes Wissen absorbiert wurde. Die Genugtuung eines einzelnen Lernprozesses führt zur Gewissheit aller Lernprozesse, jedoch nicht zur absoluten Gewissheit. Dazu kann auch Unkenntnis und Nichtwissen führen. Die absolute Gewissheit über die absolute Wahrheit ist keine Möglichkeit, sondern ein unausweichlicher Lernprozess eines jeden Subjekts, das seine Vereinigung im Objekt erfahren will oder sein Wesen im Sein erkennen will. Der Wille geht der absoluten Wahrheit und Gewissheit voraus. Was ist Wille? Die subjektive Entscheidung zur Wahrheit und die Entschlossenheit zu wirklichen Handeln.

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